Inzucht bei Hühnern

Kaum ein Thema spaltet die Gemüter von Hühnerhaltern und -züchtern in Bezug auf die Verpaarung Hühnern so sehr wie die Inzucht. Fast jeder Hühnerliebhaber hat sich seine Meinung zu diesem Thema gebildet. Leider basieren diese Meinungen oftmals auf Informationen vom Hörensagen und nicht auf Kenntnissen über die Genetik von Hühnern. Die Bandbreite der Meinungen reicht von "ohne Inzucht ist eine gezielte Hühnerzucht nicht möglich" bis zu "Inzucht ist Tierquälerei und ein Hahn darf auf keinen Fall mit seinen Hennen in einem Verwandtschaftsverhältnis stehen". Allgemein muss man feststellen, dass der Terminus "Inzucht" überwiegend negativ hinterlegt ist. Dabei sind unsere domestizierten Hühnerrassen erst durch Inzucht entstanden. Ohne Inzucht wäre eine Festigung der Genetik hin zu einer homogenen Rasse nahezu unmöglich. All die schönen Rassen und Farbschläge haben wir Erzüchtern zu verdanken, die diese in jahrelanger Arbeit durch Inzucht und Selektion erschaffen haben.

Was ist Inzucht

Die Terminus Inzucht beschreibt die Vermehrung von genetisch ähnlichen Organismen, sprich von Tieren, die in einem relativ nahen Verwandtschaftsverhältnis stehen. 
Nun ist es Auslegungssache, ab welchem Verwandtschaftsgrad ein relativ nahes Verwandtschaftsverhältnis vorliegt. Bei einer engen Auslegung könnte man behaupten, dass sich Hühner derselben Rasse bereits derart genetisch ähneln, dass es sich bei jeder Verpaarung innerhalb einer Rasse bereits um Inzucht handelt. Andere - weiter auslegende - Stimmen sprechen erst dann von Inzucht, wenn es sich um ein Verwandtschaftsverhältnis in direkter Linie handelt z.B. Großvater mit Enkelin. Würde dagegen eine Henne mit ihrem Onkel verpaart, läge nach dieser Auffassung keine Inzucht vor.

Was passiert bei der Verpaarung genetisch ähnlicher Tiere (Inzucht)?

Bekanntlich verfügt die Nachzucht (Filialgeneration) über die Erbanlagen der Elterntiere. Der Genpool des Vaters wird mit dem Genpool der Mutter kombiniert. Hühner verfügen - wie wir Menschen - über jeweils zwei Ausführungen eines jeden Gens.  Vereinfacht gesagt, verfügen Hühner für jede genetisch determinierte Eigenschaft über eine Genvariante der Mutter und eine Genvariante des Vaters. Welche der beiden Varianten gezeigt wird, hängt von den Dominanzverhältnissen der beiden Genotypen ab (intermediäre Erbgänge außen vor). Bei eng verwandten Elterntieren ähneln sich die Genpools der Eltern mehr als dies bei unverwandten Tieren oder gar Tieren unterschiedlicher Rassen der Fall ist. Die engste Form der Inzucht ist die Verpaarung von Bruder und Schwester. Rein theoretisch können diese bis auf die geschlechtsgebundenen Merkmale genetisch identisch sein, da sie ihre Gene von denselben beiden Elterntieren erhalten haben. Wird eine Henne mit ihrem Vater verpaart, hat sie mit diesem nur maximal 50 % ihrer Genetik gemein, da sie die anderen 50 % von ihrer Mutter erhalten hat (vereinfachte Erklärung). Vereinfacht zusammengefasst, können Bruder und Schwester zu nahezu 100 % genetisch identisch sein, währen Vater und Tochter oder Mutter und Sohn lediglich zu 50 % genetisch identisch sind. Diese Werte dienen nur der Veranschaulichung. Tatsächlich werden diese nicht erreicht, da es unzählige Kombinationsmöglichkeiten der elterlichen Gene gibt. Die Genpools von Vaters und Mutter mischen sich bei jedem Verschmelzen von Ei- und Samenzelle neu - die Geschwister unterscheiden sich teilweise deutlich voneinander (genau wie beim Menschen). 

Chancen von Inzucht

Nahezu alle Eigenschaften unserer Hühner liegen in ihren Genen (Gewicht, Gefiederfarbe, Legeleistung, Eierfarbe, sogar ein Teil der charakterlichen Eigenschaften etc.). Einige der vorgenannten Eigenschaften werden zudem durch die Haltungsbedingungen beeinflusst (z.B. Gewicht = Fütterung, Stresslevel, Hygiene) aber diese Variablen lassen wir hier außen vor. Wer Hühner tatsächlich auf bestimmte Eigenschaften hin züchten möchte, der zielt darauf ab, angestrebte Gene anzuhäufen und unerwünschte Gene aus seinem Bestand zu eliminieren. In einem utopischen Idealzustand soll die gesamte Nachzucht ausschließlich über die erwünschten Merkmale verfügen (idealerweise auf beiden Allelen = reinerbig/homozygot), also genetisch identisch sein. 
Durch die Verpaarung verwandter Tiere, die über positive Eigenschaften verfügen, werden ebendiese Eigenschaften genetisch gefestigt. Der gesamte Genpool wird bewusst um negative Eigenschaften reduziert, während erwünschte Merkmale angehäuft und gefestigt werden. Eine Reduktion des Genpools auf die erwünschten Merkmale ist mit relativ blutsfremden Tieren in derselben Zeit unmöglich. Falls dies überhaupt gelingen kann, dauerte es Jahrzehnte der selektiven Zucht.
Interessant ist, dass einige Halter bei der Abgabe von Bruteiern oder Zuchtstämmen damit werben, dass der Hahn blutsfremd zu den Hennen sei. Das einzige, was dieser Umstand aussagt, ist, dass es in der Nachzucht einen wilden Genmix geben wird. Dadurch kann anhand der phänotypischen Eigenschaften der Elterntiere nur sehr bedingt auf die Ergebnisse der Nachzucht geschlossen werden. Zudem wird die Nachzucht sehr heterogen sein. Dafür ist die Chance hoch, dass rezessive Defekte durch dominante gesunde Gene verdrängt und phänotypisch nicht gezeigt werden.

Gefahren der Inzucht

In den Genen unserer Hühner sind unzählige Defekte versteckt (krumme Brustbeine, Kreuzschnäbel, Entenfuß, Immunschwächen bis hin zu Letalfaktoren und unzählige weitere). Die Masse dieser Gendefekte wird rezessiv vererbt. Der Defekt wird also nur dann gezeigt, wenn ihn beide Elternteile tragen und an ihren Nachwuchs vererbt haben. Wird dagegen durch ein Elternteil eine gesunde Ausführung dieses Gens vererbt, wird der Defekt durch die dominante, gesunde Version des Gens verdrängt und bleibt in der Genetik versteckt. Das Küken ist gesund und vital. Bei der Verpaarung genetisch ähnlicher Hühner, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass identische schadhafte Gene vorhanden sind. Nach mehreren Jahren der Inzucht sind mitunter nicht mehr ausreichend dominante, gesunde Gene vorhanden, um die Defekte zu verdrängen. Im Ergebnis sinkt die Schlupfrate und/oder es schlüpfen Küken mit physischen Defekten. Diese Defekte wird man zwangsläufig sehen, wenn über mehrere Jahre in engen Verwandtschaftsgraden verpaart wird. Wer damit nicht umgehen und ggf. geschädigte Küken nicht erlösen kann, sollte die Finger von zu enger Inzucht lassen (wobei es auch bei völlig blutsfremden Tieren zu schwachen/kranken Küken kommen kann). Diese "Inzuchtschäden" treten in der Regel erst nach einigen Generationen der Inzucht auf und nicht bereits bei der ersten Vater - Tochter Verpaarung. Viele Hühnerhalter denken, dass diese Defekte durch die Inzucht entstanden sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Inzucht hat lediglich im Erbgut versteckte, rezessiv vererbte Defekte sichtbar gemacht. Von einer Inzuchtdepression ist hier noch nicht zu sprechen. Eine solche liegt erst dann vor, wenn der Genpool im Gesamtbestand derart verarmt ist, dass bestimmte, erforderliche Gene völlig verschwunden sind. Gerät man in eine solche Inzuchtdepression, kann sich der Bestand nicht mehr erholen, ohne dass blutsfremde Tiere eingekreuzt werden (Ausnahme Purging, dazu später mehr). Bei sehr alten und zudem seltenen Hühnerrassen, können hohe Inzuchtgrade derart problematisch sein, dass um den Bestand der Rasse gebangt werden muss. Bei Marans (zumindest im Farbschlag schwarz-kupfer) muss man sich hier keine großen Sorgen machen. Erstens zählt die Rasse mit ihrer Erzüchtung im 19. Jahrhundert nicht zu den sehr alten Hühnerrassen (erste Festigungen von Farbschlägen erst um das Jahr 1930). Zweitens wurden damals asiatische und europäische Hühnerrassen gekreuzt, was wiederum für eine höhere Gendiversität sorgte. Drittens handelt es sich bei den Marans um eine beliebte Hühnerrasse, die häufig gehalten wird. Hierdurch konnten die Bestände stets gut durchmischt werden (Bruteier oder fremde Tiere sind leicht erhältlich). Generell gilt: je größer eine Gesamtpopulation, desto geringer der Inzuchtgrad. Eine weitere Besonderheit der Marans ist ihre vergleichsweise geringe Schlupffähigkeit (dicke Schale). Hier fällt ein Inzucht-bedingtes Absinken der Schlupfrate früher ins Gewicht, weshalb auch tendenziell früher Fremdtiere in den Bestand eingekreuzt werden.

Inzuchtdepression durch Inzucht besiegen?

Wir haben gelernt, dass negative Inzuchterscheinungen dadurch zustande kommen, dass sich in einer Population ungewollt Reinerbigkeiten für Gendefekte entwickelt haben (partielles Dominanzmodell). Andererseits wird ein Teil der Population mit einiger Wahrscheinlichkeit den Gendefekt komplett aus ihrem Genom entfernt haben. Es hat sich bei einigen glücklichen Tieren also eine gegenteilige, positive Reinerbigkeit (Homozygotie) eingestellt. Inzucht schafft also oftmals eine Reinerbigkeit im negativen (Deformationen z.B. Entenfuß, Krankheitsanfälligkeit, schlechtere Schlupfraten) sowie im positiven Sinne (Vitalität, Resistenz gegenüber Krankheiten, hohe Schlupffähigkeit, Schönheit). Dieses Phänomen, das sogenannte Purging, konnte bereits bei wildlebenden Populationen verschiedener Tierarten nachgewiesen werden. Populationen können aus einer Inzuchtdepression bzw. einem genetischen Flaschenhals stärker hervorgehen als sie vor Beginn der Inzuchtdepression waren. Dies erfordert allerdings einen hohen Selektionsdruck. In der freien Wildbahn selektiert Mutter Natur die schwachen Tiere aus (Krankheit, Beutegreifer, Unfruchtbarkeit). In der Zucht domestizierter Arten muss der Züchter diese Funktion übernehmen. Tiere, die nur die kleinsten Anzeichen mangelnder Vitalität zeigen (Hühnerschnupfen, häufiges Liegen/Dösen, frühes Aufsuchen der Sitzstangen am Abend, oftmals Einordnung am unteren Ende der Hackordnung) müssen konsequent von der Weiterzucht ausgeschlossen werden. Vitalität und Gesundheit müssen die wichtigsten Zuchtziele eines jeden Züchters sein. Wird mit Inzucht gearbeitet, kommt der Selektion auf Gesundheit eine alles überragende Bedeutung zu. Wer hier den Fehler begeht, kranheitsanfällige Tiere zu vermehren - etwa, wenn diese besonders dunkle Eier legen oder perfekt dem Rassestandard entsprechen -  der bekommt die Rechnung nach wenigen Generationen.

Inzucht bietet also die theoretische Chance, einen Bestand zu erschaffen, der reinerbig für viele erwünschte positive Eigenschaften ist. Auf dem Weg dorthin muss allerdings auch eine Talsohle überwunden werden, in der genetisch schwache Tiere schlüpfen können. Wer diese Talsohle aus moralischen Gründen vermeiden will, wird weniger mit Gendefekten zu kämpfen haben. Dafür kann er niemals einen solch herausragenden Bestand erreichen,
wie ein Züchter, der die Talsohle überwunden und einen vitalen, nahezu Gendefekt-freien Bestand erschaffen hat. In einen solchen durch ein Inzuchtprogramm selektierten Bestand sollte nur dann frisches Blut eingekreuzt werden, wenn dies unvermeidlich ist. Auf diesem Wege gelangen wieder Gendefekte und unerwünschte Merkmale in den Bestand und die jahrelange Arbeit wird zunichte gemacht. Um einen solchen Bestand erhalten zu können, muss eine größere Anzahl an Tieren gehalten werden z.B in Rotationszucht.

Fazit

Das Fazit für die eigene Hühnerhaltung kann hier nur jeder für sich selbst ziehen. Folgende Optionen scheinen sinnvoll.

1. Keine Inzucht
Wer kein gutes Gefühl bei Inzucht hat, sollte es lieber lassen. Schließlich ist die Hühnerzucht ein wunderbares Hobby, bei dem man sich wohlfühlen soll. Wer keine großen Zuchtziele verfolgt, kann getrost auf Inzucht verzichten. Hierdurch wird zur Erhaltung der genetischen Diversität der Gesamtrasse beigetragen (wenn rassereine Tiere gehalten werden und ein Mindestmaß an Selektion erfolgt).

2. Kurzzeitige Inzucht mit Einkreuzung
Wer seinen Bestand nicht ständig der Gefahr von Krankheitseinschleppungen durch fremde Tiere aussetzen will oder etwas ambitionierter ist und gewisse Zuchtfortschritte erzielen möchte, der kommt an Inzucht kaum vorbei. Der Großteil der Ausstellungszüchter arbeitet für ein paar Generationen mit Inzuchtprogrammen (z.B. Linienzucht) und kreuzt anschließend blutsfremde Tiere ein. Der weniger ambitionierte Züchter holt sich einfach einen blutsfremden Hahn.
Ambitioniertere Züchter, die ihre hart erarbeiteten Fortschritte nicht komplett verlieren wollen, gehen wie folgt vor:
Um frisches Blut in die eigene Linie einzubringen, wird ein blutsfremdes Tier mit einem Tier der eigenen Linie verpaart (Einkreuzung). Die eigentliche Linie läuft ab diesem Zeitpunkt noch mehrere Generationen weiter. Die F1 Nachzucht aus der Einkreuzung (50% Fremdblut und 50% Eigenblut) wird noch nicht komplett in die eigene Linie eingebracht (diese läuft parallel weiter). Die F1 Generation der Einkreuzung wird mit einem 100 % reinen Tier der eigenen Linie verpaart. Die F2 hat nun 75 % Blut der eigenen Linie und 25 % Blut des eingekreuzten Tieres. Zeigt diese Nachzucht keine negative Überraschungen, kann sie in die eigene Linie eingebracht werden. Alternativ kann die F2 erneut an die reine eigene Linie verpaart werden. Die F3 verfügt dann über 87,5 % der Genetik des Ursprungsbestands und über 12,5 % der Genetik des eingekreuzten Tieres. Auf diese Weise lässt sich das Risiko reduzieren, dass das eingekreuzte Tier die Genetik des gesamten Bestandes mit etwaigen negativen Eigenschaften zurückwirft.

3. Inzuchtprogramm zur Bestandsbildung mit Wechsel in Erhaltungsprogramm
Wer einige Jahre Zeit mitbringt und über die Möglichkeit verfügt, mehrere Zuchtgruppen zu halten, der ist imstande, einen einzigartigen Hühnerbestand zu schaffen. Der Weg dorthin ist schnell erklärt.

- beschaffe dir möglichst gute Ausgangstiere
- eliminiere Defekte und sichere erwünschte Eigenschaften durch Inzucht
- erhalte die Genetik in einem möglichst großen Hühnerbestand z.B. durch Rotationszucht

Auf diesem Weg befinden wir uns derzeit mit unseren Marans.

Im Prinzip geht es darum, durch Inzucht den Genpool des Bestands zu Beginn der Zucht einmalig zu bereinigen und positive Gene anzuhäufen. Ist dieser Schritt getan, muss die Population zwingend vergrößert werden, um nicht in einen genetischen Flaschenhals zu gelangen (Purging hin oder her). Man wechselt also von einer bestandsbildenden Zuchtmethode (Inzucht) in eine bestandserhaltende Methode (z.B. Rotationszucht). Es gilt; je mehr Tiere desto besser und insbesondere; je mehr Hähne desto besser. Es ist logisch, dass der Inzuchtgrad bei einer Haltung von 1, 9 (ein Hahn auf neun Hennen) deutlich schneller steigt als bei einer Haltung von dreimal 1, 3 (drei Hähne auf neun Hennen). Die vorgenannten Zahlen dienen lediglich der Veranschaulichung. Tatsächlich sollten im Idealfall noch mehr und größere Gruppen gehalten werden. 

So kann sich erneut genetische Varianz bilden, da 

1. Auch nach einem Inzuchtprogramm eine gewisse genetische Varianz erhalten bleibt.

2. Durch epigenetische Anpassung neue Varianz entstehen kann.

3. Durch Genmutationen (treten bei Tieren von sehr niedrigen bis zu sehr hohen Inzuchtraten gleichermaßen gelegentlich auf) neue Varianz entstehen kann. 

Wie während des Inzuchtprogramms muss auch im Erhaltungsprogramm in jeder Generation selektiert werden. Wer das konsequent umsetzt, behält einen gesunden Bestand (ausschließlich die vitalsten Tiere vermehren, die am besten noch nie krank waren). Zudem kann er die auftretende Genvarianz für sich nutzen (positive Varianz vermehren z.B. besonders dunkle Eierfarbe und negative Varianz von der Zucht ausschließen z.B. zu geringe Körpermasse).