Die Linienzucht

Wie funktioniert die Linienzucht?

Bei der Linienzucht wird eine Linie auf ein Einzeltier aufgebaut. Das kann ein Hahn oder eine Henne sein. Die Nachkommen des Ausgangstiers werden immer wieder an dieses zurück verpaart (deshalb "Linie"). Auf diese Weise tragen die Nachkommen in jeder Generation einen höheren Anteil der Genetik des Ausgangstiers in sich.

Beispiel:
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Auf Hahn Hans soll eine Linie aufgebaut werden.
 
1.  Hans' Ausgangsverpaarung

Zunächst wird Hans mit einer oder mehreren Hennen verpaart, die ihn gut ergänzen. Diese können zu ihm blutsfremd sein oder bereits in einem Verwandtschaftsverhältnis stehen. Der Einfachheit halber nehmen wir die Henne Trudi. Die Nachkommen tragen nun jeweils 50% der Genetik von Hans (Vater) und 50% von Trudi (Mutter). Tatsächlich kann ihr Phänotyp jedoch eher Hans oder eher Trudi entsprechen. Je nachdem, welches der Elterntiere über mehr dominant vererbte Anlagen verfügt. Die Söhne aus dieser Verpaarung werden in der Hans-Linie grundsätzlich nicht benötigt. Diese bräuchten wir, wenn wir eine Linie auf Trudi aufbauen wollten. Es bietet sich aber an, mindestens einen davon als Ersatz zu behalten, falls Hans etwas zustößt.
 
2. Hans' zweites Zuchtjahr

Im zweiten Zuchtjahr wird Hans mit seinen Töchtern verpaart, deren Genetik bereits zu 50 % aus Hans' Erbanlagen besteht. Die Nachzucht besteht zu 50% aus Hans' Genen und zu 50% aus den Genen seiner Töchter. Die Nachkommen aus dieser Verpaarung tragen nun 75% von Hans' Genetik und 25% von Trudis in sich (Hans vererbte 50% Hans-Gene und die Töchter vererbten 25% Hans-Gene und 25% Trudi-Gene).
 
3.  Hans' drittes Zuchtjahr
Im dritten Zuchtjahr wird Hans mit seinen Enkeltöchtern verpaart, welche bereits 75% seiner Genetik in sich tragen. Die Nachzucht besteht nun zu 87,5% aus von Hans vererbten Genen. Oder anders ausgedrückt: die Nachzucht besteht zu 7/8 aus Hans.

4. Hans' viertes Zuchtjahr
Im vierten Zuchtjahr wird Hans an seine Urenkeltöchter gesetzt. Die Nachzucht besteht nun zu 93,75% aus Genen, die von Hans vererbt wurden bzw. besteht zu 15/16 aus Hans. 
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Bei der Linienzucht handelt es sich um eine Inzuchtmethode. Das Ziel ist es, herausragende Tiere sozusagen zu "klonen". Mit jeder Generation werden die Nachkommen dem Ausgangstier ähnlicher, da sie mehr seiner Gene in sich tragen. Ein vollständiger Klon (100% Genetik des Ausgangstiers) lässt sich selbstverständlich nicht erreichen. Zum einen, da der genetische Anteil des Partners der Ausgangsverpaarung (in unserem Beispiel "Trudi") zwar mit jeder Generation abnimmt, sich aber nie auf 0 % senken lässt. Zum anderen - und das vergisst man gerne - trägt auch Hahn Hans zwei Ausfertigungen aller Gene in sich (zwei Allele). 

Genetische Reinheit des Ausgangstiers

Nimmt man an, dass Hans für jedes Merkmal (Gen) spalterbig ist, so kann er komplett verschiedene Eigenschaften an seine Nachkommen weitergeben. Das folgende Beispiel ist stark vereinfacht, hilft aber den Erbgang zu verstehen. 
Beispiel:
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Hans ist spalterbig, was seine Beinbefiederung anbelangt. Er zeigt (Phänotyp) eine dem Standard der Marans entsprechende Beinbefiederung, trägt aber genetisch (Genotyp) sowohl das Merkmal für die dominante Beinbefiederung als auch das Merkmal für die rezessiven nackten Läufe. Zudem ist er spalterbig, was seine Hautfarbe anbelangt. Er zeigt phänotypisch eine weiße Hautfarbe, trägt aber genotypisch neben dieser auch noch die rezessive gelbe Hautfarbe in sich, welche sich weiterhin in gelben Läufen äußert. Angenommen Trudi ist reinerbig für die vorhandene Beinbefiederung und für die weiße Hautfarbe. In der Ausgangsverpaarung (siehe Punkt 1) vererbt Hans 50% seines Nachwuchses die gelbe Hautfarbe und unabhängig davon 50% des Nachwuchses die unbefiederten Läufe. Da Trudi reinerbig für die weiße Hautfarbe und befiederte Läufe ist, überlagern ihre dominanten Merkmale, die rezessiven Merkmale des Hans. 100% des Nachwuchses zeigt rassetypisch weiße Haut und befiederte Läufe (Phänotyp). Allerdings trägt 50% des Nachwuchses nun Hans' rezessive gelbe Hautfarbe und das Gen der unbefiederten Läufe (Genotyp). Beides Ausschlussfehler bei der Rasse Marans. Werden nun Hans' Töchter an ihn verpaart, so gibt Hans zu 50% die Fehler "gelbe Haut" und "blanke Läufe" weiter und 50% seiner Töchter tun dies ebenfalls. Die Nachkommen, die von Hans und seinen Töchtern diese "Fehler" vererbt bekommen haben sind nun genotypisch reinerbig auf ebendiese und zeigen sie phänotypisch auch. Es fallen neben rassetypischen Tieren auch Küken mit gelber Haut und gelben Ständern. Weiterhin schlüpfen Tiere ohne Beinbefiederung sowie Nachkommen, die beide Fehler zugleich zeigen.
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Obiges Beispiel zeigt, welche Auswirkungen rezessive Fehler des Ausgangstiers einer Linie (hier Hans) nach sich ziehen. Nun handelt unser Beispiel lediglich von "Schönheitsfehlern" die zwar uns als Züchter unwillkommen sind, aber keinerlei negative Auswirkungen auf die Lebensqualität der "fehlerhaften" Tiere selbst haben. 

Gesundheitliche Defekte

Große Teile der existierenden gesundheitlichen Defekte sind rezessiv (Entenfuß, Kreuzschnabel, fehlende Augen und was es sonst noch alles gibt). Dominante Defekte sind deutlich leichter herauszuzüchten. Jedes Tier, das einen dominanten Defekt trägt, kann sofort an ebendiesem erkannt (dominante Defekte werden immer phänotypisch gezeigt) und von der Zucht ausgeschlossen werden. Rezessive Defekte erkennt man erst, wenn das Tier diese auf beiden Allelen zeigt, also reinerbig bzw. homozygot für dieses Merkmal ist. 
Man stelle sich vor, Hans träge den rezessiven Defekt "Kreuzschnabel". Er würde die ganze Linie damit "infizieren". Wenn nicht phänotypisch, dann zumindest in weiten Teilen genotypisch. Den wahren Zuchtwert eines Tieres erkennt man demnach nicht ausschließlich am Phänotyp, sondern insbesondere an dessen Genotyp. Mithin zeigt erst die Nachzucht in der zweiten Generation den wahren Zuchtwert eines Tiers.

Bedeutung der Linienzucht

Die Linienzucht ist die klassische Zuchtmethode. Sie wird von einem Großteil der Ausstellungszüchter angewandt. 

Vorteile der Linienzucht

Wenn man über ein herausragendes Ausgangstier verfügt, auf dem die Linie aufgebaut werden kann, lässt sich die durchschnittliche Genetik im Bestand sehr schnell und auch einfach verbessern. 

Nachteile der Linienzucht

  • schlechte Ausgangstiere: Wenn in einem Bestand ein hohes Verbesserungspotential besteht, die Tiere also noch weit von den gewünschten Rassemerkmalen entfernt sind und man über kein herausragendes Einzeltier verfügt, ist es auch nicht zielführend, einzelne Tiere in einer Linienzucht zu "klonen". 
  • langfristig schwer umsetzbar: Da eine Linie stets mit einer Rückverpaarung auf ein Einzeltier fortgeführt wird, endet sie spätestens mit dem Tod dieses Tieres. Es kann zwar ein neues Tier ausgewählt werden, mit dem nun in Linienzucht weiter gezüchtet wird, allerdings besteht bei nur einer Linie die Gefahr, nach mehreren Zuchtjahren in die Sackgasse der Inzuchtdepression zu geraten.